2019

10. April Abela et al., Auftreten einer erworbenen Resistenz auf HIV-Medikamente in der SHCS


Auftreten einer erworbenen Resistenz auf HIV-Medikamente in der Schweizerischen HIV Kohortenstudie.    Clinical Infectious Disease

Glücklicherweise ist die Rate an erworbener Resistenz auf HIV-Medikamente aufgrund der heutzutage sehr potenten HIV-Medikamente stark zurückgegangen. Die vorliegende Arbeit hat Faktoren ermittelt, welche mit einem erhöhten Risiko für eine erworbene Resistenz vergesellschaftet sind: Arbeitslosigkeit, Afrikanische Herkunft, Symptome einer psychiatrischen Erkrankung und Ko-Medikamente für die Behandlung einer Infektionskrankheit. Welche Konsequenzen sich aus diesen Resultaten ableiten, lesen sie weiter unten.

In der westlichen Welt ist die Rate an erworbener Resistenz auf HIV-Medikamente aufgrund der Verfügbarkeit der hoch potenten HIV-Medikamente und der Möglichkeit der Überwachung des Therapieerfolges mittels Viruslast Messungen stark zurückgegangen. Es gibt aber nach wie vor Patienten, die ein erhöhtes Risiko haben, unter einer HIV-Therapie eine Resistenz zu entwickeln. Die vorliegende Studie hatte das Ziel, diese Risikofaktoren zu ermitteln. Damit sollen Strategien entwickelt werden, welche die Entwicklung von HIV-Resistenz in diesen Patientengruppen zu verhindern vermögen.

Aus der Datenbank der Schweizerischen HIV-Kohortenstudie wurden insgesamt 115 Fälle ausgewählt, bei denen unter einer HIV-Kombinationstherapie mit 3 aktiven Substanzen eine erworbene Resistenz auf HIV-Medikamente aufgetreten war. Diese 115 Fälle wurden mit 115 Fällen ohne erworbene HIV-Resistenz (Kontrollgruppe) verglichen, die sich bezüglich verschiedenen Charakteristika (zum Beispiel Helferzellanzahl und Viruslast bei Therapiebeginn, Behandlungszentrum) stark ähnelten. Zudem gingen die Studienärzte alle 230 Patientenakten durch, um weitere Risikofaktoren zu ermitteln, welche nicht routinemässig alle sechs Monate im Rahmen der Kohorten-Visiten abgefragt werden.

Die Studienärzte konnten in ihren Analysen folgende Faktoren ermitteln, welche mit einem erhöhten Risiko für eine erworbene Resistenz auf HIV-Medikamente vergesellschaftet waren: Afrikanische Herkunft und Ethnie, Asylstatus, Symptome einer psychiatrischen Erkrankung, weibliches Geschlecht, Arbeitslosigkeit, niedriger Ausbildungsgrad und eine Behandlung mit Medikamenten gegen eine andere Infektionskrankheit (zum Beispiel Tuberkulose).

Zusammenfassend zeigt die Studie, dass eine erworbene Resistenz auf HIV-Medikamente nach wie vor auftreten kann und bestimmte vulnerable Patientengruppen ein erhöhtes Risiko hierfür haben. Die ermittelten Risikofaktoren in dieser Studie sollen dem Behandlungsteam helfen, solche Patienten frühzeitig zu erkennen und multidisziplinär (Psychiater, Sozialarbeiter) zu behandeln.

PubMed

20. März Shepherd et al., Rauchstopp und Risiko von Krebs bei HIV-infizierten Personen


Rauchstopp und Risiko von Krebs bei HIV-infizierten Personen.    Clinical Infectious Diseases.

Dass Rauchen ungesund ist und das Risiko für Lungenkrebs deutlich erhöht, ist bestens untersucht. Weniger gut untersucht ist, in welchem Ausmass das Rauchen bei HIV-infizierten Personen zu einem Krebsrisiko beiträgt und wie lange es braucht, bis das Risiko für Lungenkrebs nach einem Rauchstopp zurückgeht. Frühere Studien bei HIV-negativen Personen haben gezeigt, dass nach einem Rauchstopp das Risiko für Lungenkrebs nach etwa fünf Jahren stark abnimmt. Dass dies bei HIV-infizierten Personen nicht der Fall ist, zeigt nun die vorliegende Studie.

In der Allgemeinbevölkerung erhöht Rauchen die Sterblichkeit um das Dreifache und das Risiko für Lungenkrebs ist deutlich erhöht. Studien in der Allgemeinbevölkerung haben allerdings gezeigt, dass nach einem Rauchstopp das Krebsrisiko bereits nach einigen wenigen Jahren wieder abnimmt. In der vorliegenden Studie haben die Autoren untersucht, ob dies auch bei HIV-infizierten Personen der Fall ist. Insgesamt wurden für diese Analyse 35'442 Personen von verschiedenen Kohorten aus Europa, den USA und Australien eingeschlossen, darunter auch Patienten aus der Schweizerische HIV Kohortenstudie. Diese Patienten wurden zusammengerechnet über mehr als 300'000 Patientenjahre beobachtet und zwar ab 2004 bis zum Auftreten von einem Krebs oder spätestens bis Ende Februar 2016. Es wurden verschiedene Krebsarten angeschaut: Lungenkrebs, Krebse, die in Zusammenhang mit Rauchen gehäuft auftreten (zum Beispiel Bauchspeicheldrüsenkrebs, Dickdarmkrebs) und Krebse, die nicht typischerweise in Zusammenhang mit Rauchen stehen. Die Patienten wurden in «Raucher», «Ex-Raucher» oder «Nicht-Raucher» unterteilt. Es bestanden keine Informationen darüber, wie viel die Patienten geraucht hatten, welche Stärke die gerauchten Zigaretten hatten oder ob auch E-Zigaretten oder Pfeifen geraucht wurden.

Die Hauptresultate der Studie waren die folgenden:

  • Bei Eintritt in die Studie waren 49% der Teilnehmer Raucher, 21% Ex-Raucher und 30% Nicht-Raucher.
  • Es traten praktisch keine Lungenkrebse bei Nicht-Rauchern auf.
  • Bei Rauchern lag das Risiko für Lungenkrebs im ersten Jahr nach Rauchstopp 20mal höher im Vergleich zu den Nicht-Rauchern und blieb über die nächsten fünf Jahre um das Achtfache erhöht.
  • Nach Rauchstopp blieb das Risiko für Lungenkrebs über viele Jahre gleich hoch wie bei den Rauchern.
  • Fasste man alle Krebsarten in einer Analyse zusammen, so traten diese bei Rauchern am häufigsten im ersten Jahr nach Rauchstopp auf und waren in diesem Zeitraum fast doppelt so häufig wie bei Nicht-Rauchern

Zusammenfassend zeigt die Studie, dass bei HIV-infizierten Personen das Risiko für Lungenkrebs auch nach Rauchstopp über viele Jahre erhöht bleibt. Anders als in der HIV-negativen Allgemeinbevölkerung, führt ein Rauchstopp also nicht zu einem raschen Rückgang des Risikos für Lungenkrebs. Es ist deshalb wichtig, HIV-infizierte Personen von Rauchen abzuhalten und Programme zu entwickeln, welche einen Rauchstopp unterstützen. Ebenso ist es wichtig, dass auch nach Rauchstopp das Bewusstsein für die mögliche Entwicklung eines Lungenkrebses bestehen bleibt.

PubMed

21. Februar Leon-Reyes et al., Kostenabschätzung zur Behandlung HIV-infizierter Personen in der Schweiz


Kostenabschätzung zur Behandlung HIV-infizierter Personen in der Schweiz.    Clinical Infectious Diseases

Um die aktuellen und zukünftigen Bedürfnisse von HIV-infizierten Personen in der Schweiz abschätzen zu können, sind verlässliche Daten zu den Kosten und der Ressourcennutzung im Gesundheitswesen von entscheidender Bedeutung. Bisherige Studien zu den Kosten, welche bei der Behandlung HIV-infizierter Personen anfallen, waren nicht repräsentativ und deshalb nur von begrenztem Nutzen für die Entscheidungsträger im Gesundheitswesen. In der vorliegenden Pilotstudie wurden nun erstmals auf anonymisierte Weise Gesundheitsdaten aus der Schweizerischen HIV-Kohortenstudie (SHCS) mit Daten des größten Schweizer Krankenversicherers Helsana miteinander verknüpft, um die Kosten abschätzen zu können, welche bei der Behandlung der HIV-Infektion entstehen. Wie hoch diese Kosten ausfallen und durch welche Faktoren diese beeinflusst werden, lesen sie weiter unten.

Für die vorliegende Analyse wurden die Daten aller Versicherungsnehmer der Krankenversicherung Helsana, welche einen Datensatz für eine antiretrovirale Therapie (n = 2‘355) aufwiesen, mit den Daten antiretroviral behandelter Patienten aus der SHCS (n = 9‘326) in den Jahren 2012 und 2013 anonym verknüpft. Die primären Studienendpunkte waren die gesamten Gesundheitskosten in den Jahren 2012 und 2013 pro Patient in der HIV-infizierten Schweizer Bevölkerung. Die Patienten wurden für diese Analyse bezüglich Ressourcen-Aufwand in Gruppen mit niedrigem, mittlerem und hohem Risiko eingestuft.

Die Durchschnittskosten für die Behandlung HIV-infizierter Personen in der Schweiz in den Jahren 2012 und 2013 betrugen CHF 32‘289 und CHF 33‘132 und entfielen hauptsächlich auf die Kosten der antiretroviralen Therapie in der ambulanten Behandlung (70% der durchschnittlichen Kosten).

Für die risikoarme Gruppe betrugen die Kosten in den Jahren 2012 und 2013 durchschnittlich CHF 28‘378 und CHF 27‘699.

In der mittleren Risikogruppe lagen die jährlichen Kosten in den Jahren 2012 und 2013 um mehr als CHF 3‘737 (13%) und CHF 4‘629 (17%) höher bzw. in der hohen Risikogruppe um CHF 14'867 CHF (52%) und 14‘516 (52%) höher.

Zusammenfassend zeigt diese Studie, dass der Hauptteil der Kosten bei der Behandlung von HIV-infizierten Personen in der Schweiz auf die antiretrovirale Therapie entfällt. Eine detaillierte Analyse der studierten Personengruppen ergab, dass folgende Faktoren mit erhöhten Behandlungskosten vergesellschaftet waren: zunehmendes Alter, vorgängige AIDS Diagnose, psychiatrische Begleiterkrankungen, Drogen- und Alkoholkonsum sowie eine niedrige Medikamentenadhärenz. Ein wiederholter Abgleich von SHCS- und Gesundheitsdaten von Krankenkassen in einer größeren Stichprobe könnte wesentliche Daten liefern, um zukünftige Kosten zu modellieren, welche die Gesundheitspolitik auf verschiedenen Ebenen beeinflussen könnte.

PubMed

24. Januar Salazar-Vizcaya et al., Einfluss der hochwirksamen Hepatitis C Therapien auf die Krankheitslast bedingt durch HCV Infektionen bei Personen mit einem erhöhten Risiko für Hepatitis C


Einfluss der hochwirksamen Hepatitis C Therapien auf die Krankheitslast bedingt durch HCV Infektionen bei Personen mit einem erhöhten Risiko für Hepatitis C.    Open Forum Infectious Diseases

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sich zum Ziel gesetzt, Hepatitis C Virus (HCV) Neuinfektionen bis 2030 um 90% zu reduzieren. Um dieses Ziel zu erreichen ist es entscheidend, die Entwicklung von HCV Infektionen in Personengruppen mit einem erhöhten Risiko für HCV zu kennen. In der vorliegenden Studie aus der Schweizerischen HIV Kohortenstudie haben die Autoren untersucht, welche Auswirkung die Verfügbarkeit der neuen hochwirksamen Hepatitis C Medikamente (Direct Acting Agents; DAAs) auf die HCV Epidemie bei Männern, die Sex mit Männern haben (MSM) und bei Personen, die Drogen intravenös konsumieren (PWID), hatte. Die Autoren konnten zeigen, dass - erfreulicherweise - in den letzten Jahren die Behandlung der HCV Infektionen mit DAAs deutlich zugenommen hat. Weshalb diese Zunahme an DAA Behandlungen bei der Gruppe der MSM nicht reichen wird, um die HCV Epidemie einzudämmen, lesen sie weiter unten.

Insgesamt wurden in der Studie zwischen 2005 bis 2016 5'267 MSM und 1'805 PWID über einen Zeitraum von 38'693 beziehungsweise 14'748 Personenjahre nachverfolgt.

Folgende Resultate hat die Studie ergeben:

- Die Zunahme an DAA Behandlungen nahm seit 2012 sehr schnell zu und erreichte Spitzenwerte von 28 Behandlungen pro 100 Personenjahre bei den MSM und von 18 Behandlungen pro 100 Personenjahre bei den PWID.

- Die Anzahl an HCV Neuinfektionen nahm bei den MSM massiv zu und verfünffachte sich im Beobachtungszeitraum der Studie.

- Bei den PWID gab es über den gesamten Beobachtunsgszeitraum bloss eine einzige HCV Neuinfektion.

- Die Anzahl an HCV Re-Infektionen, das heisst eine erneute Ansteckung nach erfolgreicher DAA Therapie oder Spontanheilung, nahm bei den MSM massiv zu und verzehnfachte sich im Beobachtunsgszeitraum.

- Die Anzahl Re-Infektionen nahm bei den PWID im Beobachtunsgszeitraum um das Dreifache ab.

- Die Anzahl Patienten mit einer aktiven HCV Infektion nahm bei den PWID kontinuierlich ab, während dessen sie sich bei den MSM verdoppelte.

Zusammenfassend zeigt die Studie, dass die Zunahme und die Wirksamkeit der DAA Behandlungen zur Folge hatte, dass die Anzahl an aktiven HCV Infektionen bei den PWID in der Schweizerischen Kohortenstudie über die letzten Jahre deutlich abgenommen hat. Im Gegensatz hierzu wurde bei den MSM die Zunahme an DAA Behandlungen wieder ausgeglichen durch die sehr hohe Anzahl an Neu- und Re-Infektionen. Nebst der niederschwelligen Verfügbarkeit der DAA Therapien und dem raschen Therapiebeginn sind somit bei MSM zusätzliche Massnahmen notwendig, um die HCV-Epidemie einzudämmen. Hierzu gehören gezielte Massnahmen, welche eine Senkung des Risikoverhaltens zur Folge haben und der konsequente Kondomgebrauch bei Analverkehr mit Gelegenheitspartnern.

pdf publication