2022

21. Januar Castillo-Mancilla et al., Unvollständige Einhaltung der antiretroviralen HIV-Therapie und kardiovaskulären Ereignissen und Mortalität


Zusammenhang zwischen unvollständiger Einhaltung der antiretroviralen HIV-Therapie und kardiovaskulären Ereignissen und Mortalität bei Personen mit HIV, deren HIV-Viruslast nicht nachweisbar ist: eine Studie der Schweizerischen HIV-Kohorte.    Open Forum Infectious Diseases

Dank der Wirksamkeit antiretroviraler Medikamente haben Menschen mit HIV eine Lebenserwartung, die derjenigen der Allgemeinbevölkerung sehr nahekommt. Das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, ist jedoch bei HIV-Infizierten gegenüber der Allgemeinbevölkerung erhöht, insbesondere bei Personen, die nicht gegen HIV behandelt werden. Der Zusammenhang zwischen HIV und Herzinfarkt wird durch eine erhöhte Entzündung und eine Zunahme der gerinnungsfördernden Faktoren im Blut erklärt. Wenn eine Person mit HIV eine nicht nachweisbare HIV-Viruslast im Blut hat, sinken diese gerinnungsfördernden Faktoren und die Entzündung und damit auch das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden.

Mehrere Studien von Dr. José Castillo (Universität von Colorado, USA) haben gezeigt, dass Personen mit HIV, welche die HIV-Therapie nicht vollständig einhalten und somit eine niedrigere Therapietreue aufweisen, höhere Entzündungsmarker im Blut haben als Personen mit HIV, welche die HIV-Therapie sehr strikt einnehmen mit hoher Therapietreue. Bisher hatte noch keine Studie eine Kohorte analysiert, die Daten über die Therapietreue der HIV-Therapie, die HIV-Viruslast und kardiovaskuläre Ereignisse (Herzinfarkt oder Schlaganfall) sammelte. Vor diesem Hintergrund kam es zu einer Zusammenarbeit zwischen Dr. Castillo und der Schweizerischen HIV-Kohortenstudie. Die Studie sollte folgende Frage beantworten: Ist die Tatsache, dass Menschen mit HIV mit einer nicht nachweisbaren Viruslast ihre HIV-Medikamente 1x pro Monat oder öfter vergessen, mit einem erhöhten Risiko für Herzinfarkt oder Tod verbunden im Vergleich zu Menschen mit HIV, die angeben, ihre Medikamente nie zu vergessen und die ebenfalls eine nicht nachweisbare HIV-Viruslast haben?

Zwischen 2003 und 2018 haben 6’971 Menschen mit HIV ohne Herzinfarkt in der Vorgeschichte eine HIV-Therapie begonnen und konnten untersucht werden. Von ihnen erlitten 205 (3%) ein kardiovaskuläres Ereignis (Herzinfarkt oder Schlaganfall) und 186 HIV-Positive starben aufgrund eines nicht-kardialen Ereignisses. Personen mit HIV, die eine oder mehrere antiretrovirale Dosen pro Monat vergessen hatten, hatten kein statistisch höheres Risiko, ein kardiovaskuläres Ereignis zu erleiden im Vergleich zu Personen mit HIV, die ihre antiretroviralen Medikamente immer eingenommen hatten. Das Risiko, aus nicht kardialen Gründen zu sterben, war jedoch deutlich höher, wenn die Therapietreue weniger hoch war: Das Risiko war 1,4-mal höher bei Personen mit HIV, die 1 Mal pro Monat ihre Medikamente vergaßen, und 2,2-mal höher bei Personen mit HIV, die sie 2 Mal pro Monat vergaßen.

Zusammenfassend zeigt die Studie, dass eine perfekte Therapietreue eine wichtige Rolle spielt, nicht nur um die Viruslast unter der Nachweisgrenze zu halten, sondern auch um das Sterberisiko zu senken. Die Studie konnte hingegen das erhöhte Herzinfarktrisiko bei schlechterer Medikamententreue nicht nachweisen. Weitere größere Studien mit einer höheren Anzahl von kardiovaskulären Ereignissen müssen durchgeführt werden, möglicherweise mit einer Messung der Medikamententreue, die genauer ist als die Selbsteinschätzung der Menschen mit HIV in den vier Wochen vor den Arztbesuchen.

PubMed