2021

31. Mai Wan et al., Vererbbarkeit der HIV-1 Reservoir-Grösse und Veränderung unter langzeitunterdrückender ART


Vererbbarkeit der HIV-1 Reservoir-Grösse und Veränderung unter langzeitunterdrückender ART.    Nature Communications

Die antiretrovirale Therapie kann die durch HIV verursachte Mortalität und Morbidität stark reduzieren, muss hierzu aber lebenslang eingenommen werden. Der Grund hierfür ist, dass diese Therapie zwar die Vermehrung von HIV effizient stoppen kann, aber nicht zu einer vollständigen Elimination des Virus führt. Ein Teil der Viruspopulation bildet ein sogenanntes HIV-Reservoir, in welchem das Virus sich zwar nicht vermehrt, aber mehrere Jahre und sogar Jahrzehnte unter antiretroviraler Therapie überdauern kann.

Wird die antiretrovirale Therapie dann unterbrochen, setzt, ausgehend von diesem Reservoir, die Vermehrung von HIV und somit auch das Fortschreiten der Krankheit wieder ein. Das HIV Reservoir ist somit die grösste Hürde auf dem Weg zu einer vollständigen Heilung von HIV. Aus diesem Grund wird ein breites Spektrum von Ansätzen erforscht, um das Reservoir zu eliminieren oder dessen Aktivierung zu verhindern – allerdings bisher mit beschränktem Erfolg.

Die vorliegende Arbeit wurde im Rahmen der HIV-X Studie durchgeführt, welche in über 1000 Patienten der Schweizerischen HIV Kohortenstudie die Grösse und die langfristige Dynamik des HIV-Reservoirs unter antiretroviraler Therapie analysiert. Dies entspricht der grössten Population, in welcher Einflussfaktoren für Grösse und Dynamik des Reservoirs bestimmt wurden.

Basierend auf Analysen des Erbguts von HIV dieser Patienten, dem sogenannten viralen Genom, konnte gezeigt werden, dass dieses einen signifikanten Einfluss auf die Grösse des HIV Reservoirs hat und dessen Variabilität zu ungefähr 20% erklärt. Diese Ergebnisse deuten also darauf hin, dass der infizierende HIV-Stamm die Grösse des HIV-Reservoirs mitbestimmt und bei zukünftigen Bemühungen zur Heilung von HIV berücksichtigt werden sollte. Ausserdem bildet diese Arbeit die Grundlage für eine Erforschung der Mechanismen, durch welche das virale Genom die Grösse des Reservoirs beeinflusst, was wiederum zu neuen Impulsen für die Erforschung der Heilung von HIV führen wird.

PubMed

21. April Surial et al., Gewichtszunahme nach Umstellung von Tenofovir disoproxil auf Tenofovir alafenamid


Gewichtszunahme nach Umstellung von Tenofovir disoproxil (TDF) auf Tenofovir alafenamid (TAF)

Das Medikament Tenofovir ist aufgrund der ausgezeichneten Wirksamkeit und Verträglichkeit ein wichtiger Bestandteil der HIV Kombinationstherapien. Die früher weit verbreitete Form Tenofovir disoproxil fumarat (TDF) wurde mit einer Nierenerkrankung (der sogenannten proximalen renalen Tubulopathie) sowie der Entwicklung von Knochenschwund in Verbindung gebracht. Die neuere Formulierung Tenofovir alafenamid (TAF) verursacht diese unerwünschten Nebenwirkungen nicht. Deshalb wurde bei sehr vielen Menschen mit HIV die Therapie von TDF auf TAF umgestellt.

Frühere Studien bei Personen, die neu eine HIV-Therapie mit TAF begannen, wiesen darauf hin, dass TAF im Vergleich zu TDF möglicherweise mit einer stärkeren Gewichtszunahme und steigenden Blutfettwerten in Verbindung steht. Die hier besprochene SHCS Studie untersuchte 3‘484 Personen, die von einer TDF- auf eine TAF-basierte HIV Therapie wechselten, und verglich den Gewichtsverlauf mit 891 Personen, die eine Therapie mit TDF behielten. Nach 18 Monaten nahmen Personen, die von TDF auf TAF wechselten, deutlich stärker zu (1.7 kg) als diejenigen, die TDF behielten (0.7 kg). Dieser Effekt zeigte sich in allen Untergruppen der Studie und war mit allen HIV Kombinationsbehandlungen nachweisbar. Von den Personen, die zu Beginn der Studie ein normales Gewicht hatten, entwickelten unter TAF 13.8% Übergewicht oder eine Adipositas, verglichen mit 8.4% unter TDF. Zugleich kam es zu einem Anstieg der Blutfettwerte bei den Studienteilnehmern, die von TDF auf TAF wechselten. Die Frage, ob diese Stoffwechselveränderungen zur vermehrten Entwicklung von Diabetes führen können, konnte aufgrund des zu kurzen Untersuchungszeitraumes nicht eindeutig beantwortet werden.

Diese Studie zeigt, dass dem Problem der Gewichtszunahme und den begleitenden Stoffwechselveränderungen bei der Umstellung auf TAF vermehrte Aufmerksamkeit zu schenken ist. Anstelle einer vorbehaltlosen Umstellung von TDF auf TAF müssen die Vorteile einer besseren Nierenverträglichkeit und des Vermeidens von Knochenschwund mit den Nachteilen einer möglichen Gewichtszunahme und erhöhten Blutfettwerten in einer individualisierten Beratung abgewogen werden. In kommenden Studien gilt es, die genauen Mechanismen dieser Stoffwechselveränderungen und deren Auswirkungen auf das Auftreten von Herzinfarkten oder Diabetes zu untersuchen. Denn das Ziel ist es, Menschen mit HIV langfristig eine erfolgreiche Therapie ohne negative Auswirkungen anbieten zu können.

Video mit Erläuterung des Autoren der Publikation

PubMed

21. April HIV- und Aidsforschung: Erfolgsstory gesichert


Der Schweizerische Nationalfonds (SNF) unterstütz die Schweizerische HIV-Kohortenstudie (SHCS) finanziell seit 2000.

Sie hat gerade entschieden, die SHCS weiterhin zu unterstützen und ihr für die Zeit von Juli 2021 bis Dezember 2024 den Betrag von 8,75 Millionen Franken zugesichert.

Die Universität Zürich hat zu dieser erfreulichen Nachricht einen Artikel verfasst.
News Universität Zürich

3. Februar Kusejko et al., Komplexe Interaktion zwischen Tuberkulose-Infektion und HIV


Komplexe Interaktion zwischen Tuberkulose-Infektion und HIV.    PLoS Biology

Leiden Menschen an mehreren Infektionskrankheiten, haben diese untereinander immer eine Wechselwirkung. So auch bei HIV-Patientinnen und Patienten: Sind sie zusätzlich mit Tuberkulose infiziert, können sie das HI-Virus besser kontrollieren und es treten seltener opportunistische Infektionen auf. Das haben Forschende aus der Schweizerischen HIV Kohortenstudie (SHCS) in einer Studie erstmals nachgewiesen.

Fast 30 Prozent der Menschen weltweit sind irgendwann im Verlauf ihres Lebens dem Mycobacterium tuberculosis (MTB) ausgesetzt. Bei der Mehrheit der Infizierten bricht die Krankheit aber nie aus. Dabei spricht man von «schlafenden» oder als Fachbegriff von einer latenten Tuberkulose-Infektion. Es ist zwar bekannt, dass eine unkontrollierte HIV-Infektion ein Hauptrisikofaktor für die Entstehung von Tuberkulose ist; die Wirkung der zugrundeliegenden latenten Tuberkulose-Infektion auf den Verlauf der HIV-Erkrankung ist jedoch weniger gut charakterisiert. Forscherinnen und Forscher aus der SHCS haben diese nun genauer untersucht.

Dazu haben sie alle Teilnehmenden der Schweizerischen HIV-Kohortenstudie, die irgendwann mal auf Tuberkulose getestet wurden, in drei Gruppen unterteilt:
    • nicht Infizierte,
    • latent Infizierte oder
    • aktiv Infizierte

Insgesamt hatten fast 14'000 Patientinnen und Patienten einen dokumentierten MTB Test in der SHCS Datenbank, davon waren 840 (6%) latent mit MTB infiziert und 770 (5.5%) entwickelten eine aktive MTB Infektion. Mittels statistischen Berechnungen wurde dann die HI-Viruslast dieser Personen festgestellt. Die Forscherinnen und Forscher konnten so nachweisen, dass unbehandelte HIV-Patientinnen und Patienten, welche latent mit MTB infiziert sind, eine tiefere Virenlast der HI-Viren haben, als HIV-Patientinnen und Patienten, die nicht latent mit MTB infiziert waren. Zudem hatten Patientinnen und Patienten mit einer latenten MTB Infektion eine kleinere Chance, eine opportunistische Infektion wie einen Pilzbefall des Mundes oder eine Zungenveränderung verursacht durch das Epstein-Barr Virus zu erleiden.

Die Resultate dieser Studie zeigen exemplarisch, wie komplex Wechselwirkungen zwischen zwei Infektionskrankheiten sein können. Bei Wechselwirkungen von einer Infektion mit einer unabhängigen anderen Infektion spricht man von heterologer Immunität, ein Phänomen, welches momentan weltweit erforscht wird. Zudem zeigt die Studie, dass HIV-Positive mit einer latenten MTB Infektion eine tiefere HI-Viruslast und weniger opportunistische Infektionen haben. Eine latente MTB Infektion könnte also eine schützende Wirkung für andere Erkrankungen haben. In den nächsten Schritten werden die Forschenden versuchen, den durch die Mykobakterien vermittelten Stimulus des Immunsystems therapeutisch zu nützen, zum Beispiel um Impfantworten zu verbessern oder das latente HIV Reservoir – die grosse Hürde für eine Heilung – beeinflussen zu können.

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